1 TEMPO – EINE BEZEICHNUNG AUS DER MUSIK
Das Tempo (italienisch für „Zeit“, deutsch auch
„Zeitmaß“) gibt in der Musik an, wie schnell ein Stück gespielt werden soll. Gerne möchte ich hier einige Verbindungen vom Aikido zur Musik ziehen.
Manchmal stelle ich mir beim Üben die Musik vor, die ertönen könnte, würde man die gemeinsamen Bewegungen als Melodie zum erklingen bringen. Es ergäbe sich mit jedem Partner- oder Technikwechsel
ein anderes, kleines Charakterstück.
Da wir Aikido ausschließlich um des Übens Willen üben, und das Geübte nicht zur Aufführung bringen wollen, muss ich mich nicht um das Einstudieren einer virtuosen Show kümmern. Da wir Aikido mit
einem bestimmten Ziel vor Augen üben, nämlich der Aufgabe, Selbstschutz mit Gewaltlosigkeit zu verbinden, stehen bestimmte Übungsschwerpunkte mehr im Vordergrund. Viele schnelle Tempovarianten
stehen dadurch (zunächst) im Hintergrund. Weiter unten werde ich jedoch ausführen, inwiefern Geschwindigkeit durchaus ein Thema im Aikido Üben sein darf, kann oder sollte.
Ich habe aus der Musik ein paar italienische Tempo-
und Vortragsbezeichnungen und ihre Bedeutungen zusammengetragen. All diese Bezeichnungen könnte man theoretisch einzelnen Übenden, Situationen oder nur Übungsabschnitten zuordnen. Die vorhandene
Vielfalt in Tempo und persönlichem Ausdruck bereichert unser Dojo und das gemeinsame Üben:
Grave:schwer, largo:breit, lento:langsam, adagio:ruhig, andante:gehend, moderato:mäßig, allegro:schnell, vivace:lebhaft, presto:geschwind, con brio:mit Feuer/Schwung, spiritoso:geistvoll, con espressione:mit Ausdruck, giocoso:verspielt, giusto:angemessen, grazioso:mit Grazie, lesto:flink/behände, maestoso:majestätisch, marcato:markant, risoluto:zupackend/entschlossen, scherzando:heiter, sostenuto:getragen/gewichtig, teneramente:zart, tranquillo:ruhig, accelerando:beschleunigend, stringendo:eilend/vorwärts drängend, ritardando:langsamer werdend, rallentando:langsamer/breiter werdend, strasciando:schleppend, capriccioso:launisch, a suo comodo:nach Bequemlichkeit, rubato:frei, nicht im festen Zeitmaß
Wer mag, kann sich folgende Fragen stellen:
Wie schätze ich mich selbst ein?
Wie fühlt es sich an, wenn ich ein anderes Tempo, einen anderer Charakter ausprobiere?
Welches Tempo eignet sich im Sinne des Aikido in welcher Situation / für welchen Übungspartner?
Welche Tempo-Richtung könnte für mich eine sinnvolle Weiterentwicklung bedeuten?
Verdichtete Langsamkeit
Wer kennt den Eindruck, dass einem ganz schwindelig
werden kann, beim bewussten, vertieften, langsamen Üben? Dass man gerade im langsamen Üben so viel Verschiedenes wahrnimmt, dass es sich anfühlt, wie ein klarer, hochintensiver
Langsamkeitsrausch?
Es gibt durchaus auch Schattenseiten, die sich beim langsamen Üben auftun können, wie Langeweile, Trägheit, Gewöhnungstrott, Bequemlichkeit, Unaufmerksamkeit durch vermeintlich fehlende äussere
Reize, Seelenlosigkeit im Üben. Ich bin jedoch überzeugt, dass das Aikido, wie wir es verstehen und üben, seine Qualität und Stärke maßgeblich durch die ruhigeren Tempovarianten erhält. Wenn man
sie mit Lebendigkeit und eigenen Inhalten zu füllen vermag. Einige Punkte hierzu:
- Langsamkeit als Übungsmittel der Gründlichkeit
- Langsamkeit als Bewusstmacher von ungünstigen Mustern
- Langsamkeit als Aufgabe, die eigene Zeit aktiv zu gestalten, ihr selbstbestimmt Inhalte zu geben
- Langsamkeit als Mittel, um Ungeduld, chronischen Zeitdruck oder aus dem Alltag mitgebrachte Hetze abzulegen, um sich selbst zum Reflektieren oder Innehalten zu bringen.
Gelassene Geschwindigkeit
Ich vermute, den wenigsten Übenden in unserem Dojo
geht es darum, Techniken für den Erfolg oder gar Sieg im körperlichen Zweikampf einzustudieren. Gäbe es jedoch einmal einen Ernstfall im Alltag, (und ich bin überzeugt, dass das Material, was wir
uns im Aikido aneignen, extrem gut geeignet ist, um eine gefährliche Situation glimpflich ausgehen zu lassen) so können schon Bruchteile einer Sekunde entscheidend für den Ausgang einer
Konfrontation sein. Darum ist es auch wichtig, unverzüglich handeln zu können. Aber schnell ist nicht gleich schnell, es gibt große qualitative Unterschiede in der
Art wie ich mich schnell bewege.
Oft geht es gar nicht um Schnelligkeit, sondern um den richtigen Zeitpunkt für eine Aktion oder Bewegung. Früher die Situation richtig einzuschätzen und dadurch früher, dadurch ruhiger, mit
weniger Zeitdruck mit einer Handlung zu beginnen ist ein wichtiger Punkt. Auch kann es manchmal richtig sein, einen Moment innezuhalten, abzuwarten, weil sich im nächsten Moment die Lage viel
besser lenken, lösen, entspannen lässt. Der richtige Zeitpunkt, das richtige Timing ist es jederzeit wert, immer wieder und je nach Partner neu gesucht und justiert zu werden.
Ich möchte ein Beispiel aus dem Alltag beschreiben, das öfter vorkommt als eine gefährliche Angriffssituation.
Eine Tasse fällt vom Tisch und ich fange sie auf.
Wie kann das gelingen?
- ich bin geistig bei der Sache, hoch aufmerksam, bekomme möglichst früh mit, dass etwas passiert,
- ich bleibe nervlich ruhig, erschrecke mich nicht (führt ev. zu Anspannung und Hektik),
- ich denke nicht darüber nach, sondern handle direkt,
- ich bin körperlich entspannt, und gut ausgebildet in meiner Tiefensensibilität, dass mein Bewegungseinsatz direkt, ohne hinderliche Blockaden, mit der idealen Beschleunigung und Entspannung
bzw. Kraft an der richtigen Stelle sein Ziel findet.
Eine gelassene Geschwindigkeit lässt sich trainieren, indem ich nicht unbedingt auf schnelle Bewegungen achte, sondern immer weiter an meiner Entspannung und körperlichen Durchlässigkeit arbeite. Der Becken und Schulterbereich ist bei den wenigsten von uns so „offen“ und präsent in der Wahrnehmung, dass Bewegungen ganz ungehindert „hindurchlaufen“ können. Je klarer mein Körperbewusstsein, desto leichter kann ich die kürzesten, effektivsten Wege für Bewegungen ausfindig machen. Eine Unverzüglichkeit, reduziert auf das Wesentliche, die aus einer stabilen, inneren Ruhe entspringt, kann meiner Meinung nach ideal dazu beitragen, eine gefährliche Situation sicher zu deeskalieren.
Im Aikido ist jedoch das Ruhe ausstrahlen eine so maßgebliche Kernkompetenz, dass der Fokus beim Üben meistens mehr auf den langsameren Tempi liegt.
2 ÜBUNGSFLUSS
Der Übungsfluss möchte Geschwindigkeitsänderungen innerhalb einer Technik beschreiben. Beispielsweise kann das Grundübungstempo schnell sein, und dennoch Momente der Ruhe oder Pausen beinhalten. Manche Bewegungen führe ich natürlicherweise schneller aus, andere lasse ich zur Ruhe kommen, um dann mit dem Impuls des Gegenübers fort zu fahren. Ich kann aufschlussreiche Beobachtungen machen, wenn ich mich als Verteidiger auf das eigene Beschleunigen und Abbremsen aller möglichen, noch so kleinen Bewegungen in einem Technikablauf konzentriere.
Variationsmöglichkeiten
Aus welchen bewussten, oder unbewussten Beweggründen ich den Rhythmus im Technikverlauf auch verändere, dies hat immer eine Auswirkung auf die Technik und auf das Empfinden meines Partners. Ich kann mir z.B. folgende Fragen stellen:
An welchen Stellen des Übungsablaufs bewege ich mich langsam, an welchen schneller?
Wo beschleunige ich meine Bewegungen oder die des Partners?
Wo komme ich bzw. bringe ich meinen Partner zur Ruhe?
Aus welchen Gründen wähle oder verändere ich einen bestimmten Rhythmus?
Ist das sinnvoll?
Gib es Pausen oder Umwege, die ich im fortgeschrittenen Üben zu Gunsten des Übungsflusses weglassen kann?
Wie atme ich?
Wie ist die Atmung mit den Bewegungen, mit dem Übungsrhythmus verbunden?
Ich beschleunige Bewegungen:
- aus Unsicherheit (nach dem Motto: “schnell weiter“, der Übungsabschnitt kann so nur schwer durchdrungen oder verbessert werden),
- aus Beschleunigungsdruck und Krafteinsatz (das fühlt sich für den Partner ev. eher unangenehm, zwingend an),
- aus Entspannung (das fühlt sich meist für den Partner verblüffend leicht und angenehm, dennoch unumgänglich an).
Ich fasse getrennte, aufeinanderfolgende Bewegungen
zusammen, kürze Wege ab:
- aus Unachtsamkeit (habe noch keinen Blick für dieses kleine aber wichtige Detail aufgebracht),
- aus Leistungs- bzw. anderem Druck (die technische Wirkung und Klarheit leidet),
- aus intuitivem Schutzbedürfnis (diese unbewussten Mechanismen kann man, wenn nötig, durch bewusstes Üben „umschreiben“, neu einstudieren),
- aus früher angewöhnten ungünstigen Bewegungsmustern,
- um den Übungsfluss in den Vordergrund zu rücken,
- speziell im Jiyu-Waza als situationsabhängig
eingesetztes Mittel, um Zeit und Kraft zu sparen.
Ich entschleunige Bewegungen:
- um schwierige Stellen zu durchdringen,
- um die Führung (wieder) zu erlangen,
- um mein Bewusstsein für Details zu schärfen,
- um Unsicherheiten aufzudecken und aus dem Weg zu räumen,
- zum koordinativen Ordnen, um mein räumliches Vorstellungsvermögen zu verbessern,
- aus Bequemlichkeit, aus Müdigkeit, etc.
Der richtige Zeitpunkt im gemeinsamen Tempo
Im Aikido übe ich meist „im Duett“. Das Tempo wird demnach von
zwei Übenden gemacht. Je dichter, je aufmerksamer der Kontakt, desto feiner, interessanter, stimmiger, „grooviger“ kann unser gemeinsamer Rhythmus werden.
Eine Bewegung lässt sich nur mit großem
(Kraft-)Aufwand beschleunigen, wenn mein Partner dagegenhält, sich zentriert, sich immer wieder in Ruheposition bringt, oder sich aus verschiedenen Gründen behäbiger oder langsamer bewegt. Das
Gegenteil, also das Beruhigen, Entschleunigen einer gemeinsamen Bewegung oder der Geschwindigkeit des Partners ist dagegen leichter - vorausgesetzt, man ist in der Lage, sich selbst zu beruhigen,
zu zentrieren, zu entschleunigen.
Im Übungstempo sind wir alle verschieden. Jeder setzt Schritte unterschiedlich schnell, bewegt die Gliedmaßen unterschiedlich locker, entspannt, wohlgespannt oder verspannt, nutzt
Bewegungsenergien, das eigene Gewicht, den eigenen Schwerpunkt, die eigene Kraft, etc., in unterschiedlicher Weise.
Als Verteidiger öffne ich hierfür meine Wahrnehmung und suche immer wieder nach dem idealen Zeitpunkt für den nächsten Bewegungsimpuls. Manchmal ist Innehalten oder Abwarten von Vorteil, manchmal kann ich nicht zeitig genug re- oder agieren, ist es für die Ruhe und zum Vermeiden von Hektik beim Üben nötig, früh oder rechtzeitig mit einer Bewegung anzufangen. Das eigene Timing bewusst zu durchdenken und immer wieder individuell abzustimmen, bringt mir immer wieder wertvolle technische, aber auch zwischenmenschliche Einblicke und Entwicklungsmöglichkeiten.
Die Aufgabe der Übungspartnerin im Gestalten des gemeinsamen Tempos
Als Angreifer, Uke, Übungspartner habe ich die anspruchsvolle
Aufgabe, mich in gutem Maße auf das Tempo, den Übungscharakter der Führenden einzustellen, und mit dem Beschleunigen oder Entschleunigen ihrer Bewegungen mitzugehen, soweit ich mich sicher dabei
fühle.
Ich öffne mich für ihr Tempo, versuche, ihre Übungsweise bis in die Details ein perfektes Gegenstück zu sein. Dafür ist eine hochkonzentriertes In-den-Kontakt-gehen mit allen Sinnen aber auch mit Verstand nötig. Denn ich möchte mich nicht nur einfühlen, anpassen, sondern gleichzeitig klug abschätzen, wie weit ich mich vertrauensvoll auf ihre Führung einlassen möchte, oder kann. Je verantwortlicher und umsichtiger die Führende handelt, je mehr ich mich gesehen und gut behandelt fühle, aber auch, je souveräner, sicherer und mir selbst bewusster ich bin, desto mehr kann ich aus mir heraus gehen, mich in ihre Hände begeben. Andernfalls schütze ich mich, gehe ein Stück aus dem Kontakt heraus, etwas auf Distanz, nehme meine Offenheit angemessen zurück, und schütze mich z.B. vor gefährlichen oder hektischen Bewegungen durch mildere, verhaltenere Angriffe, körperliche Festigkeit, Schwere oder Zentrierung. Dass das Üben um ein Vielfaches lebendiger und erfreulicher für beide Partner_innen wird, wenn ich diese kleinen und größeren Schranken abbauen kann, ist eine ganz tolle Erfahrung, die ich Jeder und Jedem wünsche.
Wenn es mir gelingt, mich ganz und gar ins Üben zu vertiefen, dann ist das ein großes Geschenk. Dann geht es mir wohl wie dem Mädchen Momo in Michael Endes gleichnamigen Roman, aus dem ich zum Schluss einen kleinen Abschnitt zitieren möchte:
Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis.
Alle Menschen haben daran Teil, jeder kennt es, doch die wenigsten denken je darüber nach.
Dieses Geheimnis ist die Zeit.
Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig bedeuten, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen, je nachdem was man in dieser Stunde erlebt.
Denn Zeit ist Leben.
Und das Leben wohnt im Herzen.
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