Wirkung ohne Wucht

Text von Rosmarie Scheibler

 

 

A Welche Wirkung möchte ich erzielen?

 

 

B Welche Mittel oder Elemente stehen mir zur Verfügung?

 

   1 Konzentration, Fokus, Achtsamkeit

 

   2 Meine Basis: stabil und beweglich

 

   3 Timing: Kraft sparen und den „flow“ suchen

 

   4 Positionierung: situationsbedingte Maßarbeit

 

   5 Ganzer Körpereinsatz und Durchlässigkeit

 

   6 Griffe: stark und empfindsam

 

   7 Hebel: geschickte Kraftwandler

               

 

C Ausblick: Wie geht nun Wirkung ohne Wucht?

 

 

 

 

A Welche Wirkung möchte ich erzielen?

 

Aikido ist eine gewaltlose Kampfkunst und zählt in Japan zu den persönlichkeitsbildenden Wegen.

Mein Handeln sollte gewaltlos sein und mein Handeln sollte mich und meinen Partner schützen. Ich übe, Orientierung zu bieten, Verantwortung zu übernehmen, wegweisend und deeskalierend zu sein. Ich möchte mich darum bemühen, den Angreifer zu meinem Partner zu machen.

 

 

B Welche Mittel oder Elemente stehen mir zur Verfügung?

 

Die Elemente sind Bausteine der Techniken;

die Techniken sind Bausteine der Prinzipien;

die Prinzipien sind Bausteine des Aikido;

das Aikido ist ein Baustein zur menschlichen Vervollkommnung.

Kehre ständig zum Ursprung zurück.

(Rolf Brand)

 

 

1 Konzentration, Fokus, Achtsamkeit

Konzentration ist für mich das Gegenteil von Zerstreuung. Meine Gedanken sind nicht irgendwo in der Zukunft oder Vergangenheit unterwegs, sondern im hier und jetzt. Ob ich mich dabei auf innere Vorgänge, oder auf eine bestimmte, äussere Aktion konzentriere, z.B. nur auf meine Fuß- und Beinarbeit, oder auf einen größeren Zusammenhang, wie den Kontakt mit meinem Partner, oder noch größer auf die Stimmung im Raum, in der Gruppe, ist eine Frage der Fokussierung. Egal ob die Wahrnehmung weit geöffnet oder ganz stark gerichtet ist, der gemeinsame Nenner ist die Gegenwart. Geistesgegenwart. Dieses Werkzeug auszubilden und zu pflegen, ist nicht nur im Alltag enorm nützlich. Aikido zu üben, mit dem hohen Anspruch, mich wirksam aber gewaltlos zu schützen, ist ohne eine erhöhte Achtsamkeit wohl kaum möglich. Außerdem gleicht die erhöhte (oder vertiefte, oder erweiterte) Wahrnehmung im Moment gepaart mit einem steigenden Erfahrungsschatz mit der Zeit meine abnehmenden körperlichen Fähigkeiten aus. Konzentration hilft mir, die Lage genau einzuschätzen, unmittelbar zu reagieren, das richtige Maß zu finden, Fehler bei mir wahrzunehmen, von meinem Partner zu lernen – letztendlich profitiere umso mehr, je ausgebildeter meine Achtsamkeit ist. Klug, wenn es mir gelingt, den Fokus der Situation gemäß anzupassen, mal ganz an ein Detail heran gezoomt, mal nach innen, auf meine Befindlichkeit gerichtet, mal bewusst davon weg gelenkt, mal streng nur auf ein bestimmtes Thema gerichtet oder offen und weit gestellt. Dieses geistige Werkzeug zu entdecken, zu stärken und zu vertiefen, mit einer gewissen, nötigen Selbstdisziplin und Ausdauer, ist für ein Wirken im Sinne des Aikido unerlässlich und dazu ist es „was fürs Leben.“

 

 

2 Meine Basis: stabil und beweglich

Meine Beine und meine Füße können meinem „Körper-Haus“ ein stabiles Fundament geben, das mir auch bei heftigerem Sturm Halt bietet. Die Füße sorgen, wenn sie entspannt sind, dafür, dass ich mit viel gespürtem Kontakt zur Matte wie mit dem Boden verwurzelt stehen kann. Meine Beine kräftige ich, damit sie den ganzen Oberkörper und damit meinen Schwerpunkt tiefer legen können. Auch mit einer aktiven Entspannung (bspw. der Schultern) kann ich meinen Schwerpunkt tiefer legen. Da ich mit meiner Körperhaltung bestimme, wo sich mein Schwerpunkt befindet, sorge ich so oft wie möglich dafür, dass ich zentriert, entspannt, aufrecht und tief stehe. Solange ich alleine übe, behandle ich meinen Schwerpunkt wie einen Schatz. Trage ich ihn mittig in mir und dabei noch tief unten, auch mit Hilfe meiner Vorstellungskraft, ist meine Zentrierung sicher. Wandert er durch ungünstige, angespannte Haltungen zu weit nach außen, oder nach oben, kann mir meine Stabilität leichter genommen werden oder ich verliere mein Gleichgewicht. Übe ich, meinen Partner zu führen, kann es gelegentlich von Vorteil sein, meinen Schwerpunkt nach außen zu verlagern, um bspw. ein Gegengewicht zu seinem zu bilden, einen Haltegriff zu verstärken. 

 

 

Wichtig ist letztendlich, dass ich mir über meinen Schwerpunkt und seine Wirksamkeit bewusst bin. Neben der Stabilität bemühe ich mich um eine feine Beweglichkeit. Meine Füße möchte ich so lebendig und fein koordinieren und bewegen können, dass sie mir als Werkzeuge ähnlich wertvoll werden, wie meine Hände. Die Verankerung der Beine in der Hüfte sollte möglichst frei und unverkrampft sein. So werden Rotationsdrehungen des Oberkörpers oder der Füße nicht zu Lasten der Knie ausgeführt. Ein entspannter und gut wahrgenommener Beckenbereich sorgt außerdem dafür, dass ich durchlässiger werde und mich effektiver bewegen kann (siehe Punkt 5). Ich erspüre und beobachte zunehmend genauer, feinrasteriger, welche Positionen, welcher Abstand, welche Drehung, welche Neigung der Füße, Unterschenkel, Knie, Oberschenkel, der Hüfte für mich den idealen Stand ergeben. Dabei gilt für den Stand: beim Üben lieber etwas zu tief und zu weit, auch auf Kosten der Flexibilität. Diese kommt wieder, wenn mein Körper sich an den weiten Stand gewöhnt hat, und ich mich in der Position entspannen kann. Weniger (tief, weit, schwer, stabil) ist immer leicht und schnell einzurichten. In der Bewegung liegt die Kunst darin, mein Gewicht so geschickt zu verlagern, alle Körperteile so ökonomisch und klug zusammen arbeiten zu lassen, dass die nötigen Bewegungen idealerweise eine Einfachheit, Klarheit, Leichtigkeit und innere Ruhe ausstrahlen.

 

 

3 Timing: Kraft sparen, den „flow“ suchen

Gleichermaßen bedeutsam ist der richtige Zeitpunkt für eine Bewegung. Es beginnt mit der ersten Reaktion auf einen Angriff. Oder sogar mit der intuitiven Vorahnung einer Angriffsabsicht. Im Jiyu-waza ergeben sich gelegentlich Situationen, in denen man den ankommenden Angriff als Verteidiger lenken kann: Indem ich frühzeitig z.B. eine Hand ins Angriffsfeld des Uke halte, ändert Uke seine Absicht und greift automatisch nach der angebotenen Alternative. Der Zeitpunkt, in dem ich einen Angriff oder eine Angriffsabsicht erkennen und einschätzen kann, kann daher nicht früh genug sein. Das gilt auch im Alltag. Je früher ich etwas erkenne, desto mehr Handlungsmöglichkeiten habe ich. Die Achtsamkeit und Konzentration, die wir im Training intensivieren, unterstützt uns dabei. Im Verlauf einer Modelltechnik gibt es Momente, in denen sich bspw. die Bewegungsrichtung umkehrt, wie bei einem Pendel. Auch wenn wir mehr oder weniger in Zeitlupe üben, bleibt dieses Prinzip bestehen: Hat das Pendel sich in die eine Richtung ausgeschwungen, pendelt es zurück. Zunächst begleite ich (z.B. bei heftigen Angriffen) die Bewegung und entschärfe sie dabei ev. durch eine Spiralbewegung. Begleite sie bis zu dem Punkt, an dem die Bewegungsenergie aufgebraucht ist. Diesen Moment des Zurückpendelns des Angreifers nutze ich als Verteidiger. Es ist der Zeitpunkt, zu dem ich als Führender kaum Kraft brauche, weil hier der Angreifer den Impuls selbst gibt. An diesem Punkt ist es leicht, die Bewegungsenergie des Angreifers in eine andere Richtung weiterzuführen, oder abzumildern. Um immer wieder den richtigen Zeitpunkt nutzen zu können, ist es wichtig, dass auch Uke die Technik mit ihrem logischen Ablauf versteht. Ich versuche, mich als Uke in meinen Übungsteil hinein zu denken. Versuche nachzuvollziehen, warum sich an gewissen Stellen die Bewegungsrichtung ändert, wo von mir als Uke folgerichtig Impulse ausgehen müssten und wo der Führende die Richtung weist. Wenn beide Partner den logischen Ablauf der Modelltechnik verstehen, sich auf einander einlassen können, kann ein Übungsfluss entstehen, der sich für beide sehr angenehm, oder harmonisch anfühlt. Dieser „flow“ zeichnet sich nicht dadurch aus, dass konstant das selbe Tempo oder die selbe Spannung herrscht. Es ist vielmehr ein lebendiger Ablauf, mit wichtigen Pausen, schnelleren und langsameren, spannungsvollen und leichteren Passagen. Geprägt von einer hohen Achtsamkeit und einem gegenseitigen Verständnis füreinander und für das gemeinsame Handeln. Auch wenn sich das Üben mit „meinen Lieblingspartnern“ mehr nach einem „flow“ anfühlt, wende ich mich bewusst und immer wieder denjenigen Übenden zu, mit denen es aus oft ganz individuell unterschiedlichen Gründen nicht so harmonisch läuft. Genau diese Übenden bieten mir oft größere Herausforderungen und maßgeschneiderte Möglichkeiten, mich weiter zu entwickeln. (Wenngleich es auch hier Ausnahmefälle gibt, bei denen diese Regel nicht gilt und es dann sinnvoll ist, jemanden zu Rate zu ziehen). Gerade in einer Kampfkunst sollte es mir ein Anliegen sein, zu üben, mit für mich schwierigeren Partnern und Situationen gut aus zu kommen.

 

 

4 Positionierung: situationsbedingte Maßarbeit

Die richtige Position während des Übens zu meinem Partner zu finden ist eine dauerhafte, große Aufgabe. Für den Alltag gilt: ich möchte niemandem zu nah „auf die Pelle rücken“, eine gewisse Distanz (die ja in jedem Kulturkreis anders definiert ist) ist höflich und respektvoll. Stehe ich jedoch zu weit entfernt, kann kein vertrauliches Gespräch entstehen, werden wir nicht zusammen kommen. Im Aikido verlangt der Selbstschutz eine gewisse Distanz zum Partner. Um mich zu schützen, stelle ich mir einen Raum um mich herum vor, ungefähr soweit, wie meine Arme reichen, der mein Raum ist, und über den ich bestimme. Ich entscheide, wen ich in diesen Raum herein lasse. Ich beobachte und korrigiere, wie nah ich einen Angreifer an mich heran lasse, ob ich gegebenenfalls meinen Raum besser schützen sollte. Physikalisch wirksam werden die meisten Handlungen (ganz besonders Angriffe, die ja immer eine Grenzüberschreitung darstellen, auch wenn wir sie langsam ausführen) erst, wenn ich den richtigen, auch mal sehr dichten Abstand zum Partner gefunden habe. Ob ein Hebel, ob ein Instabil-halten des Partners gut funktioniert, also mit wenig Kraftaufwand möglich ist, hängt oft davon ab, ob ich einen passenden, günstigen Abstand eingenommen habe. Welche Position zu meinem Partner ist wann günstig? Ihm zu- oder abgewandt, hinter, neben oder ihm gegenüber? Wo kann ich als Führender zentriert bleiben und dabei meinen Partner instabil halten? Wie positioniere ich mich so, dass ich mich wenig, mein Partner sich jedoch viel bewegen muss? Was sagen mir die Abläufe der Modelltechniken über strategisch günstige Positionen? „Ura“ und „Omote“ beschreiben Positionierungen die beide in verschiedenen Situationen ihre Berechtigung haben. Positionen zu finden, ist für mich weiterhin ein situationsbedingtes Abwägen, ein sich korrigieren und ausprobieren. Ich habe noch kein immergültiges Rezept entdeckt, wann welche Position am günstigsten ist. Jedoch habe ich genug Erfahrungswerte gesammelt, um behaupten zu können: vieles steht oder fällt mit der richtigen Distanz.

 

 

5 Ganzer Körpereinsatz und Durchlässigkeit

Wenn ich etwas erreichen möchte, z.B., dass mein Partner auf meine Führung eingeht, muss ich mich bewegen. Wichtig ist meines Erachtens hierbei, dass ich mich mit dem ganzen Körper bewege. Als eine Einheit. Die Wirkung ist um ein Vielfaches besser, als wenn ich beispielsweise nur meinen Arm zur Seite bewege, und dabei meine eigene Zentrierung aus dem Blick verliere. Oder nur den Oberkörper drehe, und die Füße und Beine der Bewegung voraus- oder nacheilen. Ich betrachte meinen Griff als Kontaktstelle, die Arme als Verlängerung, als Werkzeug, aber um etwas zu bewirken, ziehe oder drücke ich meinen Partner nicht (ich wage sogar das Prinzip: ich ziehe oder drücke nie) sondern bewege meinen ganzen Körper: von den Füssen, bis zum Kopf. Ein Beispiel ist in der Modelltechnik „Ikkyo-Ura“ die Drehung hinter dem Partner oder in „Kote-Gaeshi“ die Rückwärtsdrehung, die, beginnend bei den Füßen, vom ganzen Körper (nicht nur aus dem Arm heraus) ausgeführt wird. Dafür ist eine Durchlässigkeit im Körper von großem Nutzen: Eine Bewegung in den Füßen wirkt sich bis zum Kopf hin aus, und das möchte ich spüren, beobachten, und mich soweit – vor allem im Hüftbereich entspannen, dass Bewegungen auch in umgekehrter Richtung durchgehen können. Wird mir als Uke, als Angreifer das Handgelenk gedreht, ist die Auswirkung oft bis in meine Körpermitte zu spüren. Auch eine Hebeltechnik beschränkt sich selten nur auf ein einziges Gelenk, sondern schließt meistens andere Gelenke und Körperbereiche mit ein. Bin ich soweit sensibel und entspannt, dass Bewegungsimpulse sich in meinem Körper wie Wellen ausbreiten können, kann ich dadurch – körperlich, nicht bewusst über den Kopf - sehr viel über das Funktionieren von Hebeln und Technikabläufen lernen. Eine der Hauptübungen zum durchlässig werden ist in der Bewegungsmeditation das Schütteln der Hände, welches sich immer weiter, bis in den kleinsten Winkel des Körpers ausbreitet.

 

 

6 Griffe: stark und empfindsam

Ein guter Griff ist Gold wert, im Aikido, aber auch im Alltag. Er ist, weil wir beim üben nicht miteinander sprechen, unsere Kommunikationsschnittstelle. Ich halte, führe, spüre und beruhige meinen Partner im Idealfall mit meiner Art, meiner Kunst zu greifen. Ich kann mit guten Griffen viel Kraft sparen und mir und anderen Sicherheit bieten. Wo ich zufasse, ist wichtig, und Grund genug, darüber nachzudenken. Hier soll es darum gehen, wie ich greife. Dazu brauche ich weitgehend entspannte Schultern und Arme. Nicht die Arme greifen, lediglich die Handfläche und die Finger. Gebe, oder habe ich unbewusst zu viel Spannung in den Armen und der Schulterpartie, kann mein Partner schnell das unangenehme Gefühl bekommen, mit zu viel Druck, Kraft oder Dominanz behandelt zu werden. Die Schultern und Arme versuche ich also, so oft wie möglich bewusst locker zu lassen. Die Hände allerdings, die für den Griff zuständig sind, haben viel zu tun. Jeder Partner, jedes Handgelenk, jeder Stelle des Arms ist anders, und immer muss sich meine Hand an die neue Topografie anpassen, anschmiegen. Je mehr Kontaktfläche, desto besser verteilt sich der Druck, desto angenehmer ist der Griff für meinen Partner. Je mehr Kontaktfläche, desto besser kann meine Intention beim Partner ankommen, sowohl das Führen, als auch das Halt bieten. Ein guter Griff beschäftigt immer alle fünf Finger, besonders den Kleinen und den Vierten, die, im Alltag weniger verwendet, verstärkte Aufmerksamkeit und besonderen Kraftaufbau verdienen. Der Daumen greift (fast) immer auf der entgegengesetzten Seite der vier anderen Finger. Ich versuche dabei, den Daumen und den kleinen Finger (nicht den Daumen und den Zeigefinger) zu einem offenen Kreis zu verbinden. So wird die Kraftverteilung in der Hand ausgewogener und großflächiger. Im Japanischen gibt es den Ausdruck „Tegatana“, was soviel bedeutet wie „Schwerthand“ . Er beschreibt die offene Hand (offene Gesinnung), die ähnlich wie ein Schwert eingesetzt wird, vor Allem von einer Spannung vom kleinen Finger bis zum Handgelenk gestützt wird. Auch wenn sich der Kontakt der Übenden nicht als Griff sondern abgewandelt in verschiedenen offeneren Formen abspielt, gilt es, immer eine möglichst große und in beide Richtungen durchlässige Kontaktfläche herzustellen. Als wichtigste Funktion des Greifens oder des offenen Kontaktes möchte ich Informationen austauschen. Ich möchte etwas sagen, mit meinem Griff, aber auch etwas aufnehmen, verarbeiten und mein Handeln daraufhin anpassen. Ich möchte lernen zu erkennen, ob ich zu fest, zu vorsichtig, zu unausgewogen oder deutlich und ausgewogen greife, möchte über den Griff spüren, ob und wie meine Führung bei meinem Partner ankommt, möchte wahrnehmen, wie flexibel, stark, steif, verletzlich etc. mein Partner ist, daraus Schlüsse ziehen und mein Üben darauf abstimmen.

 

 

7 Hebel: geschickte Kraftwandler

Hebel werden oft als das effektive Mittel verstanden, um wirksam und ohne puren Krafteinsatz einen Angreifer zu Boden zu bringen. Dass sie ein Mittel sind, steht außer Frage. Dass daneben einige andere Elemente mindestens genauso bedeutsam für eine Wirkung im Sinne des Aikido sind, und dass Hebel ganz präzise und achtsam dosiert werden müssen um überhaupt zu wirken, bzw. um nicht gefährlich oder verletzend zu werden, wird oft etwas vernachlässigt.

Ein Hebel ist im Aikido die Anwendung des Hebelgesetzes beim Partner. Das Hebelgesetz wurde in der Antike von Archimedes formuliert und besagt, dass mit einer kleinen Kraft und einem langen Hebelarm eine große Last bewegt werden kann. Das Beispiel der Wippe: Wenn zwei gleich schwere Kinder gleich weit vom Angelpunkt (der Mitte der Wippe) entfernt sitzen, könnten sie sich gegenseitig im Gleichgewicht halten. Ist ein Kind schwerer als das andere, muss es näher an der Mitte sitzen, als das andere, damit beide mit gleichem Kraftaufwand wippen können. Der Nussknacker als Hebel funktioniert so, dass man die Nuss, die mit der Kraft der bloßen Hände nicht zu zerdrücken wäre, durch die verlängerten Hebelarme leichter geknackt bekommt. Türklinken, Wagenheber und unzählige andere Werkzeuge erleichtern uns im Alltag dank Hebelwirkung das Leben. Archimedes sagte zum Hebelgesetz seinen berühmten Satz: „Gebt mir einen festen Punkt im All, und ich werde die Welt aus den Angeln heben.“ Damit meinte er, dass er, wenn er einen Angelpunkt im All hätte, also einen sehr langen Hebelarm, mit seiner geringen menschlichen Kraft die Erde bewegen könnte. Also werden wir es wohl schaffen, mit etwas

 

 

Geschick unseren Partner zu bewegen. Im Aikido werden Hebel an den Gelenken des Oberkörpers des Partners angesetzt, also an den Finger-, Hand-, Ellbogen-, Schultergelenken und an der Wirbelsäule. Dabei wird die Tatsache ausgenutzt, dass unsere Gelenke nicht in alle Richtungen gleich beweglich sind und irgendwann ein Endpunkt erreicht ist. Ist der Punkt erreicht, an dem ich durch den gesetzten Hebel einen größeren Handlungsspielraum bekomme, wird die  Hebelwirkung entweder zum lenken, zum zu Boden führen oder zum festhalten eingesetzt. Ganz eindeutig enden die meisten Modelltechniken mit einem Hebel. Es gibt aber auch immer wieder im Verlauf der Technik Gelegenheiten, bei denen ich mir das Hebelgesetz zu nutze mache, um meinen Partner kraftsparend zu lenken. In der Rolle des Angreifers versuche ich zu beobachten und heraus zu finden, wie mein Partner die Hebel setzt, wie sie wirken, und erschließe mir über das körperliche Gespür einen Sinn, ein Verständnis für die Wirkungsweise von Hebeln. Das funktioniert jedoch nur, wenn ich mich körperlich öffne, und ein Stück weit in die Hände meines Partners gebe. Diese Offenheit aufzubringen, ist nicht immer leicht. Es ist ein gewisses Vertrauen nötig, dass ich nur denjenigen schenke, denen ich zutraue, dass sie gut und verantwortlich mit mir umgehen. Das heißt wiederum für den Führenden: je ruhiger, sicherer, und wohlwollender ich mit meinem Partner umgehe, desto größer wird mein Handlungsraum, die Technik ideal im Sinne des Aikido auszuführen.

 

 

 

 

C Ausblick: Wie geht nun Wirkung ohne Wucht?

 

Aikido ist für mich eine permanentes Ausloten von Gegensätzen. Das Ideal „Wirkung ohne Wucht“ umzusetzen, bedarf eines achtsamen Vorantastens auf einem sehr schmalen Grat. Zuviel Krafteinsatz, und ich wirke dominant, zu wenig dagegen wirkt vielleicht nicht souverän, unlebendig, nicht beherzt. Agiere ich deutlich, stabil, geradlinig, kann es sein, dass mir dabei die Sensibilität und Offenheit abhanden kommt. Zu viel Beweglichkeit, Phantasie oder Spielerisches können meinem Üben die klare Linie nehmen, es wird vielleicht chaotisch oder unverantwortlich. Und so weiter, und so fort. Das richtige Maß zu finden ist für jeden eine ganz persönliche Herausforderung. Eine aufrichtige Selbsteinschätzung und der Mut zur Veränderung ohne sich dabei selbst untreu zu werden, können einem wertvolle Helfer auf dem Übungsweg des Aikido sein.